Von Bärenwolken und anderen Ablenkungsmanövern.

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Seht ihr auch den Bären am Himmel? Seitlich sitzt er und öffnet den Mund um sich die nächste Portion Honig zu genehmigen. Vielleicht heißt er Balu, zumindest sieht er aus wie Balu aus dem Dschungelbuch. Vielleicht will er mir sagen „Probier´s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit..“

Den habe ich gestern im Stau entdeckt, als ich nervös wurde. Bei über 30 Grad mitten in der Stadt, kein Stauende in Sicht. 1,5 Stunden im Schneckentempo. Überall Autos, überall Menschen. Eine Situation, die ich garnicht mag, schon garnicht wenn es so warm ist. Natürlich war die Klimaanlage zumindest in der Hinsicht mein Retter, dennoch packte mich zwischenzeitlich die Nervosität. Warum? Nicht, weil ich es eilig hatte. Klar, Feierabend, Wochenende, man möchte nach Hause. Nein, es ist etwas anderes. Ich mag solche Situationen einfach nicht, in denen ich für den Moment gefangen und ausgeliefert scheine. Wenn ich nicht vor und zurück kann. Ich hatte keine Panik. Aber ich kenne das Gefühl der Panik, wenn man von jetzt auf gleich total nervös wird, richtige Angst verspürt, und einfach nur fliehen möchte. Aus dem Supermarkt, insbesondere aus der Warteschlange, aus der Besprechung, aus dem Büro, aus der Festhalle, aus der Menschenmenge, von wo auch immer, hauptsache weg in „Sicherheit“. Aber was ist schon Sicherheit? Wo ist sie?

Es ist nur dein Gehirn, welches  dir gerade einen fiesen Streich spielt und du Angst bekommst, obwohl du keine haben musst. Du weißt, dass sie nicht die Realität ist, es besteht keine Gefahr, aber du bist nervös, dein Puls rast, du fängst an zu schwitzen und schaust um dich. Dein Körper scheint sich tatsächlich in Gefahr zu befinden, er sendet alle Warnsignale und möchte fliehen. Aber außerhalb ist alles normal, dennoch fühlst du dich so schrecklich unwohl.

Es ist schonmal eine unheimliche Hilfe und Erleichterung zu wissen, das dieses Gefühl nur ein, nennen wir es mal, Aussetzer deines Gehirns ist. Eine Überreaktion. Ich mag Unverhersehbares nicht unbedingt. Ich plane immer gern, und bin gerne organisiert. Ich bin zwar auch ab und zu gerne spontan, aber dennoch mag ich es einfach nicht, wenn plötzlich etwas passiert mit dem ich nicht gerechnet habe. Da werd ich meist etwas nervös und mir fällt es im ersten Moment sehr schwer umzudenken. Ich bin leider auch eine, die viel zu oft denkt „Was wäre, wenn..“ und „was passiert, wenn..“. Ich bin einfach gerne vorbereitet. Im normalen Ausmaß ist das ja auch ganz gut, aber übertrieben ist das völlig unnötig. Das weiß ich. Manchmal hab ich das auch richtig im Griff und manchmal überkommt es mich wieder. Aber es kommt eh oft ganz anders als man denkt. Und das ist auch gut so. Meistens.

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen. John Lennon

Meine Panik habe ich meistens im Griff, wenn dann kommt sie eigentlich nur in Form von Nervosität, zwar unangemessener Nervosität, aber in der Regel akzeptabel. Ich denke mir dann immer „ruhig bleiben, es passiert schon nichts“. Der alte Freund will mir bloß wieder einen Streich spielen. Oft ist es auch mehr die Angst/Nervosität vor der Angst, wenn ich dann in der eigentlichen Situtation bin ist es dann doch okay. Oder ich lenke mich eben ab, und suche mir Figuren im Himmel, ich zähle langsam bis zehn und atme dabei ganz bewusst zehn mal langsam ein und aus, ich mache bewusst einen Schritt langsamer, ich summe ein schönes Lied, plabber einfach los, quatsche mit der Kassierin, lächle trotz des falschen Films in meinem Kopf oder versuche an etwas Schönes zu denken oder eben an diese gleiche Situation ohne Nervosität, weil es diese eben auch häufig gibt und ich weiß, dass ich stark bin. Weglaufen sollte man eigentlich nur, wenn es wirklich garnicht anders geht. In der Regel fällt nämlich eh nach ca. 15 Min die Adrenalinkurve, sodass auch die Angst weggeht. Und dann fühlt man sich stark und stolz.

„Hast du das jetzt kapiert? Denn mit Gemütlichkeit kommt auch das Glück zu dir!
Es kommt zu dir!“

Balu der Bär, Dschungelbuch

Es ist bei mir wohl erblich bedingt, aber ich weiß, dass meine Oma auch damit Leben konnte, zwar gab es auch ziemlich schlimme Zeiten, aber sie hat es hinbekommen. Das werde ich auch. Ich denke auch, dass die heutige Schnellebigkeit, die ganzen Umwelteinflüße, die ganzen Informationen, die am Tag auf einen hineinfallen ein wenig schuld an solchen Phasen sind, in denen es schwerer ist und man nicht so klarkommt. Man hört soviel schlimmes, dass man manchmal einfach Angst haben muss. Wie ich bereits erwähnt schonmal habe, mache ich regelmäßig Entspannungsübungen, progressive Muskelrelaxation, das hilft wirklich sehr um ein wenig ruhiger zu werden und dem Körper die Anspannung zu nehmen. Ist für mich ein wenig wie Abtauchen.

Als hochsensible Person hat man es halt immer noch ein bisschen schwerer, da man Reize wahrnimmt, die andere nicht wahrnehmen. Weil man eh mit vielen Situationen scheinbar überfordert wirkt, sodass man manchmal garnicht zwischen Panik und Reizüberflutung unterscheiden kann. Ist es eine Mischung aus beidem? Resultiert das eine aus dem anderen? Es ist nicht einfach. In einer Phase des Tiefs ist das Ganze wirklich nicht angenehm zu leben, aber es gibt auch viele Hochphasen im Leben, in denen man damit wirklich gut umgehen kann. In denen es fast gar keine Spinnereien in meinem Kopf gibt. Aber man muss eben viel von sich lernen und sich vorallem in den Tiefs immer wieder Mut machen und darf sich nicht hängen lassen. Und wenn man sich doch mal hängen lässt ist das okay, trotzdem niemals die Hoffnung aufgeben. Es geht immer weiter, das Leben ist keine Gefahr, das Leben ist da um gelebt zu werden. Ohne Angst. Sondern mit Genuss, und vorallem mit Gemütlichkeit. Mit Ruhe und Gemütlichkeit.

..Probier’s mal mit Gemütlichkeit,
mit Ruhe und Gemütlichkeit vertreibst du deinen ganzen Sorgenkram.“

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4 Gedanken zu “Von Bärenwolken und anderen Ablenkungsmanövern.

  1. Dein Bericht ruft leise nach einem Expositionstraining, um deine innere Ruhe zu finden. Ich nehme da zwar auch gerne die Kamera (eigentlich habe ich die immer bei mir), aber damit umschifft man nur elegant den Moment, auch weil das Ergebnis oft erfreulich ist 😉 Einen relaxten Sonntag für dich 🙂

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    1. Ja, klar, eigentlich trainiert man ja automatisch immer und immer wieder, wenn man sich nicht versteckt 😉 naja manche Situationen vermeide ich als Hsp halt schon, weil ich von vornerein weiß, dass es zu viel wird, hat dann nichtmal zwangsweise was damit zu tun. Ich dachte auch ich hätte das Ganze hinter mir gelassen, aber wenn man mal wieder in ein Loch fällt, taucht der fiese Freund einfach manchmal wieder auf..unerhört 😉 Guter Tipp mit der Kamera! Scheint als hättest du auch damit zu tun? Wünsche Dir auch einen schönen Sonntag!

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      1. Ja, auch. Menschenmengen und Gedrängel jeder Art, Höhen usw. Mach dir eine Skala von 1 bis 10 deiner Angstempfindungen. Steige nicht höher als 6 ein und konzentriere dich auf deine Angstsituation, bis du auf 4 abgerutscht bist ohne dich abzulenken. Diese Situation wiederholst du möglichts am selben Ort so lange, bis du schon am Anfang bei 4 bist. Allerdings funktioniert das nur alleine und ohne äußere Ablenkungen. Den Wunsch das unkontrollierbare zu beherrschen wirst du dann wahrscheinlich auch nicht los, aber es beschäftigt dich weniger – immerhin.

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      2. Ohja, Höhenangst, die habe ich auch, und große Plätze mag ich meistens auch nicht wirklich. Im Flugzeug bin ich auch ein Nervenbündel. Aber ich muss sagen, bei mir ist es wirklich tagesformabhängig. Letztes Jahr war eigentlich fast komplett ohne solcher Probleme. Ich werd mir deinen Rat zu Herzen nehmen. Danke dafür. Ich hab auch ein kleines Ratgeberbüchlein gelesen, welches ich gut ziemlich fand. „Wenn plötzlich die Angst kommt: Panikattacken verstehen und überwinden“ von Roger Baker, das hat mir ziemlich gut geholfen. Man darf die Angst zulassen, aber man darf sich eben nicht reinsteigern.

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